Chefsache

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Eine Einladung flattert in mein Postfach, jemand erwünscht meine Teilnahme. Viele hundert andere werden dort sein, es wird kostenloses Essen gereicht und ein jeder darf zuhören. Nun werde ich misstrauisch, nichts ist umsonst, kostet wenigstens Nerven. Schon längst vergangene Kulturen kannten ähnliche Zusammenkünfte. Weil es in Griechenland begann und alle drumrum des gehaltvollen Schreibens vielleicht zwar mächtig waren, aber weniger dauerhafte Trägermaterialien oder bessere Verstecke nutzten, nenne ich es politische Veranstaltung. (Wer möchte, darf sich Platons Politeia ausleihen und auch Sekundärliteratur dazu studieren).

Prinzipiell möchte eine Minderheit eine Mehrheit davon überzeugen, der Minderheit, statt dem eigenen Willen zu folgen. Einer der einfacheren Tricks wird schon von Primaten beherrscht: Essen gegen Gefälligkeiten zu tauschen. Ich werde also eingeladen, weil man eine Gefälligkeit von mir erwartet, es gibt einen Hintergedanken. Dieser harmlosen Variante möchte ich die Umerziehung anderer Minderheiten gegenüberstellen: ca. 2 Millionen tote Kambodschaner (Einwohnerzahl 7 Millionen) nach Umerziehung durch die Roten Khmer, im Wesentlichen Lehrer, Polizisten, Schriftsteller - Intellektuelle; Kulturrevolution in China mit langem Marsch auf den Platz des Himmlischen Friedens; der lange Weg in den Westen Nordamerikas mit der Einführung der Eingeborenen in eine zivilisierte Welt; Zwangsadoption tausender Aborighinie-Kinder in Australien zur Gewöhnung an ein Leben in Baumwollkleidung.

Wenn man sich diese drastischen Maßnahmen in weitaus größerem Maßstab vorstellt und sich mal die Folgen vor Augen führt, dann waren die Mühen grundsätzlich umsonst. Weder haben die Roten Khmer Kambodscha zu Reichtum geführt, noch ist pre-industrielle Chinesische Kultur ausgerottet. Die Eingeborenen gehen mehr und mehr auf Entdeckertour zu ihrer eigenen Kultur und führen den Weißen Mann gern gegen Entgelt in geheime Rituale ein (in Neuseeland organisiert das sogar das Tourismusbüro und bildet sogar Eingeborene aus).

Was Menschen also tun hängt nur im geringen Maß unmittelbar von den äußeren Umständen ab und lässt sich nur begrenzt voraussehen. Es gibt zuviele Faktoren, die darauf einwirken und selbst die staatliche Organisation von politischen Maßnahmen führte bisher nicht zwangsläufig und historisch endgültig zum gesellschaftlichen Idealzustand.

Nichtsdestotrotz gibt es heutzutage noch immer Minderheiten, die von homogenen, kontrollierbaren und endlich komplexen Mehrheiten ausgehen. Der eine bezeichnet sie als Volk, ein anderer als Belegschaft und ein dritter vielleicht als Armee oder Kegelclub. Clausewitz wusste schon eine erfahrungsgemäße Grenze des direkten Führens zu benennen. Ihmnach sind 2.000-5000 Mann im Gefecht von einem Einzelnen direkt zu führen (vlg. Vom Kriege, 2. Teil, Fünftes Buch, Erstes Kapitel). Allerdings sind in der Armee die Folgen drastisch, wer nicht mitspielt wird mindestens standrechtlich erschossen. Kegelclubs sind nicht ganz so fatalistisch.

Da es bei meiner Einladung nicht um eine Feier anlässlich einer standrechtlichen Erschießung geht, sind die Folgen für mich minimal. Eine kostenlose Verpflegung nehme ich gern mit, eine Dienstleistung gibt es dafür nicht. Politische Umerziehung lässt nämlich die emotionale Bindung außer Acht. Diese wiederum enthält keine Angstkomponente wie im Gefecht. So greifen simple betriebswirtschaftliche Grundsätze und ich optimiere nach Gewinnmaximierung: Maximale Wurst für 0 Gegenleistung.

Umgekehrt sitze ich gern mit Freunden um ein ähnliches Feuer, esse vielleicht sogar dieselbe Wurstsorte, habe hier aber eine ganz andere emotionale Bindung. Mit Betriebswirtschaft komme ich hier nicht weit und politische Umerziehung meiner Freunde (Fahrt mehr Bahn!) ist nur mit Mitteln der psychologischen Kriegsführung möglich. Erschwerend kommt meine Kenntnis bzgl. der Fortbewegungsstrategien meiner Freunde hinzu. Vielleicht ließe sich die ein oder andere Dame zur romantischen Fahrt durch Spessart und Karwendel überreden, sie hätte dann aber auch Hintergedanken und würde betriebswirtschaftlich optimieren.

Es hilft also nicht, der Mehrheit den eigenen Willen aufzuzwingen, ich muss sie im Glauben lassen, es wäre ihr eigener Wille. Nun kann ich mit Schopenhauer schließen (und einen anderen Blog referenzieren):

Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.

Der Artikel ist eine Wiederveröffentlichung aus meinem Blog bei der DB Systel »Der unbekannte Dritte«.