Koch, Köchin, Köche, Köchinnen, Küchenpersonal

Seit einiger Zeit wird eines der Erste-Welt-Probleme wieder aufgekocht: sprachliche Gleichstellung. Mit der Wahl von Angela Merkel bekam es eine verwalterische Dimension. Heißt es nun Frau Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin? Das lässt sich auf andere Anreden ausweiten, etwa Frau Doktor, Frau Direktor oder Frau General. Beim Militär gibt es klare Regeln, Erika Franke wird vollständig als Frau Generalstabsarzt angesprochen. Da mich Sprache an sich sehr interessiert und ich gern mit Menschen spreche, um ihnen dann zuzuhören habe ich mal über meinen Horizont hinausgeblickt.

Es gibt nämlich Sprachen, etwa das Kantonesische, um nicht immer Englisch zu bemühen, die unterscheiden weder sprachliches Geschlecht noch Zahl. Man stelle sich als Deutscher einen Sprecher des Kantonesischen vor, der sich mit Küchenpersonal in der Sauna aufhielt. Im Sprechen wird keine Unterscheidung getroffen, ob es eine gemischte Sauna war, ob viele Köche oder nur ein Koch zugegen waren. Für die Muttersprachler ist es kein Problem. Sie treten in Dialog und wenn das Gegenüber an Details interessiert ist, fragt es zurück. Deklinieren wir mal Lehrer resp. Lehrerin in Kantonesisch durch: louxi und sind fertig. Das bedeutet ein Lehrer, eine Lehrerin, viele Lehrerinnen, viele Lehrer und eine Mischung aus Lehrern und Lehrerinnen.

Im Gegensatz dazu, d.h. nicht aus dem Kontext sondern aus dem Egozentrismus heraus, führt das immer zum Konflikt. Marius Jung schrieb ein Buch mit dem Titel »Singen können die alle«. Nun bitte ich um eine Pause für diejenigen, die Marius Jung nicht kennen. Stellen Sie sich einen Marius Jung vor. Aus dem Namen entsteht irgendein Bild. Nehmen Sie einen Zettel Papier und schreiben sie 3 äußerliche und 3 intellektuelle Eigenschaften von Marius Jung auf. Tun Sie es wirklich. Das Ergebnis ist überraschend und zeigt sehr schön, wie jeder direkt aus dem eigenen Hochmut heraus urteilt.

Nun komme ich zum Untertitel des Buches: »Ein Handbuch für Negerfreunde«. Können Sie nun eher Eigenschaften ergänzen oder müssen Eigenschaften gar negiert werden? Ich gehe noch weiter und hole eine Geschichte von 2014 heraus. Der Student_innenRat der Universität Leipzig verlieh Marius Jung für sein Buch einen Negativ-Preis, da es ein rassistisches Werk sei. Können Sie weitere Eigenschaften ergänzen oder müssen weitere gestrichen werden? Wie beantworten Sie die Frage, ob Marius Jung Ihnen sympathisch ist, wenn das zu abstrakt ist: Würden Sie Marius Jung einen Euro in die Hand geben, wenn er Sie darum bittet?

Benutzen Sie nun eine Suchmaschine Ihrer Wahl und finden Sie etwas über Marius Jung heraus. Gleichen Sie das bitte mit Ihrem Zettel ab. Ich stelle zudem die Hypothese auf, dass jeder Kantonese ein besserer Humanist wäre, als der durchschnittliche Deutsche mit Abitur über 30 Jahre. Marius Jung wird übrigens oft bewundert, für einen Schwarzen so gut Deutsch zu sprechen. Er selbst karikiert das in seinem Programm mit einem Dialektsprecher im Kontrast zu seinem Hochdeutsch. Andere haben ihm das nachgemacht.

Als kleine Sprachkompetenzübung rate ich jedem, der ob seiner Vorurteile überrascht ist, die Begriffe Pejoration und Euphemismus auf kleine Karteikärtchen zu schreiben. Auf die Vorderseite kommt das Wort, in großen Buchstaben. Auf die Rückseite eine selbsterstellte Erläuterung mit höchstens 7 Worten. Damit soll das Konzept hinter diesen Eigenschaften einer Sprache verinnerlicht werden. Ich will niemanden belehren, das mag jeder selbst für sich tun. Im selben Atemzug stelle ich die Hypothese auf, dass nicht einmal der geisteswissenschaftliche Hintergrund der Leipziger Universität der Preisjury das Rüstzeug mitgab, Marius Jungs Werk ordentlich durchzuarbeiten. Da wurde schnell nach dem Umschlag geurteilt, es war immerhin eine Sensation und tickerte durch die Presse. Mir dient es seitdem als abschreckendes Beispiel, für den Missbrauch von Bildung.

Wenn dann nach reichlich Übung das Denken ausreichend verformt wurde, ist Gleichstellung gar keine große Sache mehr. An die Stelle der Vorverurteilung aus einem Sprachgebrauch heraus, tritt die Trennung von sprachlichem und körperlichem Geschlecht. Es spielt nämlich keine Rolle, welche Genitalien für ganz gleich welche sexuelle Orientierung verwendet werden, wenn man vor dem Bundestag spricht, einen Schmorbraten zubereitet oder einen Angriffskrieg vorbereitet. Die Auf- oder Abwertung findet immer in Verbindung mit kategorischen Urteilen statt.