Maulkorb Gratis

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Mit dem vorigen Artikel über ein Firmen-Sommer-Fest meiner Vergangenheit beginne ich eine kleine Auswahl an Wiederveröffentlichungen vergangener Blogs. In der wilden Zeit der Selbstdarstellung machten es sich Firmen zur Aufgabe, schreibenden Mitarbeitern eine Plattform zu geben. Eine Beratungsfirma oder ein Fachartikel bewegte die Führungsebene zum blinden Aktionismus. Es darf geschrieben werden. Die Motivation ist wie oft eine vielgestaltige und das Ergebnis war für mich immer ein Maulkorb, d.h. Schreibverbot.

Es sind ja stets die hehren Absichten, an die man glaubt. Man erhält die Erlaubnis als einer von wenigen, einer Art Elite, im Firmennetzwerk zu veröffentlichen. Es gibt oft keine Redaktion und keine großartige Kontrolle. Zu Beginn schreiben dann viele ihre ersten Artikel und die Flut ebbt ab. Ich habe schon vorher viel geschrieben und nutze das Aufschreibesystem als festen Bestandteil meines Lebens. (Tatsächlich im Sinne Friedrich Kittlers, Anleihen bei Vilém Flusser und natürlich mit Zettelkasten nach Arno Schmidt) Deswegen fällt es mir leichter, kontinuierlich und tiefgründig zu schreiben. Das brachte mir auch meine mittlerweile unverwechselbare Art ein, Dinge umzuschreiben und zu umschreiben.

Dabei gehe ich, wie David Bowie forderte, immer etwas tiefer ins Wasser und teste die Grenzen aus. Es mündet kurzum im Beißreflex. Man erteilt mir Schreibverbot, da die Texte vom Blockwart als Wehrkraftzersetzung gesehen werden.

In jungen Jahren war ich noch voll des Idealismus bzw. bar des heutigen Wissens um die Strukturen, die Führung ausmachen. In der Theorie soll es da ein Leistungsprinzip geben. Wer sich regt, wird abgesägt – spätere Erkenntnis. Denn grundsätzlich gelten die Gesetze der Physik und ein wichtiges ist das von der Trägheit. Auch wenn ein Gedanke oder ein Umstand noch so wahr ist, widerspricht er dem vorherrschenden Prinzip, wird er ausgemerzt. Man wird zum Vorgesetzten bestellt, erhält eine Stunde Staatsbürgerkunde mit Kapitalismusanstrich und soll daraus genau eines schließen: Denkverbot, Selbstkontrolle, Beißreflex.

Irgendwie scheine ich diesbezüglich aber nicht sonderlich gut zu funktionieren. Das einzige was ich zudem daraus gewinne ist ein ruhiger Schlaf. Denn ich schrieb es mir entweder von der Seele oder rüttelte am Käfig um zu sehen, ob der Affe tatsächlich reflexhaft reagiert. So bleibt es dann auch bei der Optimierung nach einem lokalen Maximum, statt eines globalen.

Das treibt dann aber herrliche Blüten, die mir Kurzweil und reichlich Gesprächsstoff für die Mittagspausen lassen. Eine war die Ausführung zum Bewertungsbogen des Mitarbeitergesprächs bei der DB Systel. Der folgte einem Punkteschema mit Mittelwertbildung über verschiedene Fähigkeiten. Ich lag generell bei 4,6 und in einem der Gespräche argumentierte ich geschickt, bekam für eine Fähigkeit einen weiteren Punkt. Dafür wurde ich aber in einer bereits bewerteten Fähigkeit heruntergestuft, so dass der Mittelwert wieder stimmt. Das Ende dieser Auseinandersetzung war der Gang durch alle Instanzen. Danach war mir klar wie das funktioniert: Der Mittelwert entscheidet über den Übergang in die Führungsebene. Hätte ich 5 Punkte erreicht, hätte ich Aufgaben über meine Anforderungen hinaus erledigt und müsste zur Beförderung vorgeschlagen werden. Bei der Maximalpunktzahl von 7 hätte meine Führungskraft gar erklären müssen, wieso ich ein Jahr so ein Über-Performer sein konnte, ohne Führungskraft zu werden. Damit kein Papierkram entsteht und nicht noch der Pfau aufs Dach steigt, laviert man geschickt (eine wichtige Fähigkeit für die höheren Führungsebenen).

Leider ist eine Unternehmung nur nebenbei betriebswirtschaftlich motiviert. Vorrangig geht es um Politik und all das, was J.C. Parkinson schon in den 1950er und -60er Jahren niederschrieb. Was wäre nur alles möglich, stünden nicht die im Wege, die gleichzeitig fleißig und dumm sind (Sebastian Haffner, Jekyll und Hyde, sinngemäß).