Wochenticket Öffis

Die Zeit nehm ich mir, ein neuer Artikel, 4 Jahre Pause, bzw. fokussiert auf das Geheimnis der Reproduktion und Ihre Folgen und eine Schlüsselerkenntnis über die freie Meinungsäußerung. Auf dem Weg zur Arbeit leiste ich mir von Zeit zu Zeit ein Wochenticket und benutze die Öffis – öffentliche Verkehrsmittel. Da kann ich mittlerweile auf fast 10 Jahre Historie zurückblicken und liefere hiermit ein Kondensat, keinesfalls Tatsachenberichte.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind in erster Linie ein Konflikt. Sie fahren nur bestimmte Haltepunkte an und auch nur wenn es auf dem Plan steht. Der Plan ändert sich und die Teilhabe kostet Geld. Jeder beginnt nun ökonomisch zu denken und verwendet eine Stunde Routenplanung auf eine 10min-Fahrt oder pendelt 5 Tage die Woche. Pendler haben ihre Stammplätze, ihren Handlungsablauf, ihre Kleidung und ihre Verhaltensmuster. Sie wissen exakt an welcher Stelle sie stehen müssen, um die Tür direkt vor der Nase zu haben und sie rollen die Augen bei denen, die keines der Rituale kennen. Das wichtigste Ritual: erst aus- dann einsteigen und niemals einen Halbkreis vor der Tür bilden. Es wird in jeweils einer Reihe oder in Keilformation an den beiden Türseiten gewartet. So können die Aussteigenden schnell und zügig das Verkehrsmittel verlassen. Der ICE am Wochenende zeigt eines ganz deutlich: Urlauber und Rentner missachten diese Regel vorsätzlich und stellen sich dreifach gestaffelt im Halbkreis um die Türöffnung.

Das zweitwichtigste Ritual: in Doppelreihe einsteigen. Wer in der rechten Reihe steht geht immer rechtsherum in das Verkehrsmittel und wer links steht zur anderen Seite, das andere Rechts eben. Special Moves sind erforderlich, wenn die Schwangere auf dem Weg zur Geburtshilfe in der rechten Reihe steht, eine kurze Gerade antäuscht und dann noch knapp davor nach links ausschert. Sie fährt sonst mit dem Rad nur zum Kindergarten bzw. Edeka und zurück. Öffentliche Verkehrsmittel sind nur eine lästige Episode, über die dann vielleicht nicht einmal im Wochenbett sinniert wird.

Wem die Einzelepisoden oder Vorfälle nicht mehr reichen, dem lege ich die Kurzgeschichten oder Fortsetzungsgeschichten ans Herz. Ich hatte die Ehre, mit zwei fabelhaften Jungs, Lukas und Jonathan, fahren zu dürfen. Der eine ist fast drei, der andere noch nicht lang vier. Ihre Mutter ist chronisch überfordert: »Lukas und Jonathan, warum tut ihr mir das immer an. Wenn ihr weiter auf den Sitzen springt, gebe ich euch nichts mehr zu essen.« Diese Drohung muss monoton vorgetragen werden, mit zarter Stimme und es soll sich ziehen. Lukas und Jonathan haben viel zu viel Spaß mit den Sitzen, ihren Dinosauriern, mit den Haaren des Bruders oder der Zugfahrt im Allgemeinen. Bereits nach dem Auftakt, der Nennung ihrer beider Namen, ist Schluss mit zuhören. Sie halten sich nicht fest, der Zug hält oder fährt an und ein bis zwei Steppkes rollen durch den Gang… und lachen darüber.

Ganz besonders schätze ich Strecken mit Behindertenwerkstätten oder -Fürsorgeeinrichtungen. Da kommt es endlich zu menschlichen, allzu menschlichen Szenen. Zwei Männer, der eine wuchtig, der andere schlank, sitzen nebeneinander. Der Wuchtige trägt eine sehr starke Brille, der schlanke hat eine Form von Taschentick. Aber sie tauschen Bonbons aus. Mit unvergleichlich unverständlicher, aber zärtlicher Sprechweise werden die Bonbons der letzten Woche aufgezählt und plötzlich wechselt das Thema auf die große Liebe, die täglich wartet. Und diese oder jene Pflegerin oder Betreuerin ist schon sehr lieb, aber es überwiegt die Schüchternheit, sie anzusprechen. Ich kann auch ganz genau die Ursache der Schüchternheit heraushören, weil »die« bestimmt nicht »mit so einem« was anfangen würde. Deswegen geht es schnell wieder um Bonbons.

So komme ich zum Schluss zu den nach Interessantheit auf dem dritten Platz stehenden: meine Opfer. Ich suche sehr gezielt aus und spiele sehr lange Improvisationstheater im Kopf, um Reaktionen zu induzieren und die Güte meiner Empathie-ersetzenden Vorausberechnung zu testen. Szene 1 ist eine Herrenrige, die wie üblich alles schlecht findet. Die da oben machen was sie wollen, der kleine Mann darf die Suppe auslöffeln usf. Zwei der drei Teilnehmer sind deutlich vom Suff gezeichnet, die typische erhöhte Durchblutung der Haut geht mit dem roten Gesicht und der gefärbten Abluft einher. Mein Entschluss war: Konfrontationstherapie. Die Herren wollen niemals das Problem lösen, sich nur gegenseitig in ihrem Sein bestätigen und daher ist das Gespräch keine »ergebnisorientierte Diskussion«, sondern ein Gebet. Daher hängte ich mich abrupt hinein und unterbrach mit einem im Kinski-Stil bestimmt vorgetragenen: »…und während der eine REVOLUTION schreit, betrinkt sich der Rest einfach!« Das »REVOLUTION« muss wirklich laut sein und der wohl ehemalige Sozialkundelehrer der Trinkbrüder sagte einfach: »d'accord«. Der Rest der überaus kurzweiligen Unterhaltung war absolut unberechenbar.

Szene 2 ist eine zugestiegene Mutter mit Tochter. Das Kind wünscht sich die Fortführung der Geschichte oder eine weitere. Die Mutter sinniert, unterbrochen von Fahrkartenentwertung, Platzsuche (im vollen Pendlerbus), Taschensortierung und Kinderfürsorge. Patchwork-Geschichten sind meine liebsten, man beginnt mit einem oder zwei Sätzen und dann ist der andere dran, sie fortzuführen. Man kann das mit fünfzehn und mehr Personen machen. Die höchste Dynamik hat es zwischen 5-7 Unbekannten, darunter 2 Kinder. So hub ich an in der Art der Märchenerzähler, dass es sich vor langer Zeit zutrug, dass ein schrecklicher Drache, aufgrund wiederholter Bauchschmerzen nach Verzehr von Konserven – Menschen in Ritterrüstung – Bäcker werden wollte. Feuer für den Ofen hatte er ja schon. Die Verwunderung eines Kindes über Vortragsweise und Inhalt weicht schnell und das Gespinne geht los. Eltern begegnen dem mit einer Mischung aus Enttäuschung, Sicherheitsabstand und Erinnerung an die eigene Kreativität. Sie retten sich oft mit der Frage nach der Quelle und ich rate immer zum Genuss von Büchern, Bichsel, Morgenstern, Andersen, Lindgren und nicht nur Pipi Langstrumpf, denn was ein Spunk ist, wissen wir längst.

Szene 3 und dann Vorhang: der Rest der Mannschaft auf dem Weg zur Galeere. Sie starren aus dem Fenster, nicht um etwas zu sehen, sondern um drin nichts zu sehen. Sie hören Musik, nicht um Musik zu hören, sondern die anderen nicht zu hören. Sie sitzen allein in einer 4er-Gruppe. In ihnen vermute ich noch Reste Menschlichkeit. Wenn ich mich etwa mit einem Holzklotz in der Beintasche neben sie setze und der Klotz unangenehm in die Seite drückt, dann rücken sie etwas ab. Wenn ein vermeintlicher Sexualpartner unweigerlich ins Blickfeld gerät, erhält er kurze Aufmerksamkeit. Eine unvermeidliche Störung wird aktiv gemieden. Ist einer laut oder läuft/ dünstet Betriebsflüssigkeit aus, wird der Platz gewechselt. Rein biologisch betrachtet leben sie, denn sie haben einen eigenen Stoffwechsel, reagieren auf Umweltreize und sie könnten sich fortpflanzen. Ich glaube aber fest daran, dass sie es nicht tun. Leider erlebe ich diese neue Welt, voll der lebenden Generationen nicht mehr.